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Rückbildung

 

Rosel trägt einen Viererbob als Kettenanhänger.

Das symbolisiere ihre 3 Geschwister und sie, erzählt sie bei Gelegenheiten. 

Eine Gelegenheit ergab sich letzte Woche bei der Beckenbodenrückbildungsgymnastik, unterrichtet von Frau Schwenkarm.

Rosel hat keine Kinder und ihr Beckenboden gewinnt den Kampf gegen jede Biskuitrolle, jedoch schätzt sie die soliden Ansagen und notwendigen Berührungen der Frau Schwenkarm so sehr, dass sie schon zum dritten Mal den Kurs besucht. Das Gebären läge in der Familie, sagt sie und deutet auf den goldenen Bob.

Insgesamt  ist  es eine so angenehme Runde, wie Rosel sie noch nie erlebt hat. Unter allen TeilnehmerInnen  wird das INNEN wirklich groß geschrieben.

Und das Außen auch mal groß gelassen.

Es riecht nach offenen Wunden und Freiöl, nach Zwieback und süßer Milch.

Rosel lädt sich in ihrem Synthetikanzug auf und wenn sie zum Abschied Frau Schwenkarm die Hand gibt, zuckt diese jedes Mal kurz zusammen, lächelt dann aber wie eine Möwe und sagt „Ahoi, mein Mädchen, bis bald“.

Diese Worte flüstert Rosel jeden Abend vor sich hin. Und wenn sie vor ihrer Anrichte mit Trockenstrauß  sitzt, den dritten Dornfelder eingeschenkt, kann sie beinahe vergessen, dass sie weder Kinder noch Geschwister hat und erst in sieben Tagen wieder flüchtig berührt werden wird.

anja finger

 

 

 

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